Die Ängste von Neulingen im Fitnessstudio sind vielfältig. Meistens sind es die alten, logischen Schreckgespenster: Bandscheibenvorfälle, Verletzungen, Gelenkschmerzen. In letzter Zeit hat sich jedoch ein neuer Punkt auf diese Liste geschlichen: Krafttraining bei Krampfadern.

Kürzlich schrieb mir ein Leser, der sich vor den typischen „Bodybuilder-Adern“ fürchtete. Sein Dilemma: Er möchte zwar muskulöse Bizepse, aber keinesfalls krankhaft hervorstehende Venen. Lassen Sie uns dieses Thema genauer betrachten. Zunächst brauchen wir jedoch etwas Theorie, um zu verstehen, womit wir es zu tun haben.

Was sind eigentlich Krampfadern?

Krampfadern (medizinisch: Varizen) sind ein Zustand, bei dem die Venen – meist in den unteren Extremitäten – geschlängelt, erweitert und deformiert sind. Dies geschieht, wenn die Venenklappen nicht mehr effektiv arbeiten. Das Blut staut sich, fließt nicht korrekt zum Herzen zurück, und der Druck in den Venen steigt.

Die wichtigsten Symptome:

  • Sichtbare, hervorstehende und geschlängelte Adern an den Beinen.
  • Ein Gefühl von Schwere, Müdigkeit oder Schmerzen in den Beinen.
  • Schwellungen (Ödeme), besonders am Ende des Tages.
  • Rötungen oder andere Hautverfärbungen.
  • In fortgeschrittenen Fällen: Bildung von trophischen Geschwüren.

Risikofaktoren für die Entstehung:

  • Genetik (Vererbung) – der wichtigste Faktor.
  • Übergewicht.
  • Schwangerschaft.
  • Bewegungsmangel.
  • Langes Stehen im Beruf (z. B. Lehrer, Verkäufer, Chirurgen).

Wie Sie sehen, steht Krafttraining nicht explizit auf dieser Liste der primären Ursachen. Der Prozentsatz von Bodybuildern mit Krampfadern ist nicht höher als der von „normalen Menschen“. Auf einem athletischen Körper mit niedrigem Körperfettanteil ist dieser Defekt lediglich sichtbarer. Dennoch lohnt es sich zu klären, ob es einen Zusammenhang gibt.


Genetik: Das Verhör der Vorfahren

Das Wichtigste zuerst: Krampfadern sind extrem stark genetisch bedingt. Wenn Sie ins Fitnessstudio gehen, sollten Sie nicht primär Übungen aussortieren, sondern sich zunächst fragen: „Wie hoch ist mein persönliches Risiko?“

Ein Blick auf die Beine von Vater, Mutter oder Großeltern reicht oft aus. Wenn dort Probleme sichtbar sind, steigt Ihr Risiko um ein Vielfaches. Es liegt nicht am Fitnessstudio per se. Jede Belastung kann den Mechanismus auslösen, wenn er in Ihrem genetischen Code verankert ist. Das Risiko wird gleichermaßen von väterlicher und mütterlicher Seite vererbt. Wenn die Familiengeschichte unbekannt ist, gleicht das Training ohne Vorsichtsmaßnahmen manchmal einem Glücksspiel.

Prävention: Besser als heilen

Da uns niemand eine Garantie geben kann, dass wir verschont bleiben, empfehlen Phlebologen (Venenärzte), das Problem zu bekämpfen, noch bevor Symptome auftreten. Prävention ist immer einfacher als die Behandlung von Folgeschäden.

1. Kompressionskleidung

Interessanterweise sagen Experten, dass man sich nicht zwingend in medizinische Binden wickeln muss. Für das Training reichen oft hochwertige Kompressions-Leggings oder Tights. Wichtig ist, dass sie eng anliegen („in the tight“), um genügend Kompressionsdruck zu erzeugen.

Das Geheimnis dahinter: Unsere Beinvenen unterteilen sich in oberflächliche und tiefe Venen. Der Hauptblutrückfluss (ca. 90 %) erfolgt über die tiefen Venen. Wenn wir Kompression von außen erzeugen, unterstützen wir die tiefen Venen bei ihrer Arbeit und entlasten die oberflächlichen Venen, sodass diese sich nicht deformieren.

Tipp: Dies gilt nicht nur für Bodybuilder! Auch Postboten, Pflegekräfte oder Verkäufer sollten bei der Arbeit Kompressionsstrümpfe oder Tights tragen. Dieser einfache „Lifehack“ senkt die Wahrscheinlichkeit für Krampfadern massiv.

2. Bewegung im Alltag

Ein weiterer Eckpfeiler der Prophylaxe ist der Positionswechsel. Die klassische Regel wird oft ignoriert, ist aber Gold wert:

  • Wenn Sie viel stehen: Setzen Sie sich zwischendurch.
  • Wenn Sie sitzen: Stehen Sie auf und gehen Sie umher.
  • Legen Sie die Beine hoch („Baumhaltung“ an der Wand), um den Rückfluss zu fördern.

Machen Sie Pausen. Wenn Sie eine Stunde gesessen haben, gehen Sie zehn Minuten. Ihr Rücken und Ihre Venen werden es Ihnen danken.

3. Kalte Duschen

Besonders im Sommer oder nach einem harten Beintraining ist dies essenziell. Die glatte Muskulatur der Gefäße zieht sich bei Kälte zusammen. Dies hilft, angesammeltes Wasser „auszupressen“ und entlastet die Venenklappen.

Es muss kein Eisbad sein (Vorsicht vor Unterkühlung!). Es reicht völlig aus, die Beine mit dem Duschkopf und kühlem Wasser abzubrausen.


Vergleich: Venenfreundliches vs. Venenbelastendes Verhalten

Venenfreundlich (Do’s) Venenbelastend (Don’ts)
Tragen von Kompressionskleidung beim Sport Training mit hohen Gewichten ohne Beinschutz
Viel Bewegung, Gehen, Liegen Langes, statisches Stehen oder Sitzen
Kühle Wassergüsse nach dem Training Häufige heiße Bäder oder Sauna (bei bestehendem Risiko)
Moderates Krafttraining mit mehr Wiederholungen Pressatmung (Valsalva-Manöver) bei Maximalkraftversuchen

Erhöht Krafttraining das Risiko nun oder nicht?

Jein. Die Mechanik ist folgende: Je höher die Belastung (Last), desto mehr Blut pumpt der Körper in die Beine und desto höher ist der intraabdominale Druck. Dies erschwert den Rückfluss und belastet die Klappen.

Wenn Sie drei schwere Kniebeugen machen, hat der Körper kaum Zeit zu reagieren. Machen Sie jedoch Sätze mit hohen Wiederholungszahlen und dauerhafter Spannung ohne Kompression, steigt das Risiko. Wer genetisch vorbelastet ist, sollte beim Krafttraining – unabhängig vom Gewicht – immer Kompressionswäsche tragen.

Ist die Diagnose ein Urteil?

Was tun, wenn die Krampfadern schon da sind? Ist das Fitnessstudio nun tabu? Bleibt die Hantel ein Traum?

Diese Entscheidung trifft letztlich der Phlebologe. Aber: Es gibt viele Athleten, die unter bestimmten Bedingungen weiter trainieren dürfen:

  1. Konsequente Kompression: Ohne spezielle Strümpfe wird nicht trainiert.
  2. Medikamentöse Unterstützung: Einnahme von Phlebotonika (Venenstärkungsmittel) kurweise zweimal im Jahr.
  3. Kontrolle: Regelmäßige Check-ups alle sechs Monate, um sicherzustellen, dass die Krankheit nicht fortschreitet.

Es ist also nicht so beängstigend, wie es auf den ersten Blick scheint. Mit der richtigen Vorsorge und Technik ist Krafttraining bei Krampfadern oft weiterhin möglich.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Darf ich mit Krampfadern Kniebeugen machen?

Das hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab. In vielen Fällen ist es mit Kompressionsstrümpfen erlaubt. Vermeiden Sie jedoch Pressatmung und extrem schwere Gewichte. Konsultieren Sie vorher unbedingt Ihren Arzt.

Helfen normale Leggings gegen Krampfadern beim Sport?

Normale Baumwoll-Leggings helfen wenig. Es müssen spezielle Sport-Kompressions-Tights oder medizinische Kompressionsstrümpfe sein, die einen definierten Druck auf das Gewebe ausüben, um die tiefen Venen zu unterstützen.

Sind sichtbare Adern bei Bodybuildern immer Krampfadern?

Nein. Bei Sportlern sind sichtbare Venen oft ein Zeichen für einen niedrigen Körperfettanteil und eine gute Durchblutung (Vaskularität). Krampfadern erkennen Sie daran, dass sie geschlängelt, knotig und unnatürlich erweitert sind.

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