Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Krampfadern bei Männern eine Seltenheit sind. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass Frauen häufiger an Varikose leiden. Das mag statistisch gesehen stimmen, doch die Wahrheit liegt im Detail: Frauen suchen einfach häufiger ärztliche Hilfe auf. Das liegt zum einen daran, dass Schwangerschaft und Geburt Krampfadern begünstigen, und zum anderen daran, dass Frauen oft aufmerksamer auf ihren Körper und ästhetische Fragen achten.

In meiner medizinischen Praxis begegne ich jedoch sehr vielen Männern mit diesem Problem. Da ich lange Zeit in einer Klinik der Eisenbahngesellschaft gearbeitet habe, gehörten viele Eisenbahner zu meinen Patienten. Die Motivation für ihren Besuch war meist pragmatisch und simpel:

  • Die Ehefrau hat so lange genörgelt, bis er gegangen ist („Geh dich endlich untersuchen!“).
  • Die Arbeitsmedizinische Kommission drohte mit Arbeitsverbot.
  • Der Zustand war bereits kritisch (z. B. ein offenes Beingeschwür, das seit sechs Monaten den Schlaf raubt).

Das „Schweigen“ der Männer: Symptome und Verleugnung

Männer neigen dazu, Venenleiden zu ignorieren, selbst wenn die Anzeichen offensichtlich sind. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein hünenhafter Mann, der beruflich schwere Eisenbahnschwellen trägt, kommt in die Sprechstunde. An seinem Bein windet sich eine Krampfader von der Größe einer Faust.

— Was beschwert Sie? — frage ich.
— Nichts! Man hat mich geschickt, — er reicht mir die Überweisung, — die sagten, ich muss operiert werden.
— Wirklich gar nichts? Keine Schmerzen, keine Schwellungen, keine Wadenkrämpfe?
— Absolut nicht!

Wir bereiten die Operation vor, führen sie durch und entlassen den Patienten. Bei der Nachuntersuchung frage ich erneut:

— Wie geht es Ihnen? Wie fühlen Sie sich nach der OP?
— Oh, Herr Doktor, es geht mir tatsächlich viel besser als vorher!
— Aber wie kann es leichter sein, wenn Sie vorher angeblich nichts gestört hat?

Als Antwort bekomme ich meist nur ein Schulterzucken. Natürlich gilt das nicht für alle, aber Männern fällt es oft schwerer, ihre körperlichen Beschwerden zu beschreiben. Es ist ihnen unangenehm oder sie schämen sich, zum Arzt zu gehen. Der Gedanke „Bin ich etwa ein Weichei?“ oder die Mentalität „Solange der Speer im Rücken nicht beim Schlafen stört, gehe ich nicht zum Arzt“ sind weit verbreitet.

Warum Krampfadern bei Männern gefährlich sind

Trotz der stoischen Haltung können auch bei Männern ernsthafte Komplikationen der Varikose auftreten. Das Tückische daran ist, dass diese Komplikationen oft plötzlich eintreten, ohne dass es vorherige Warnsignale gab.

Die moderne Medizin zielt nicht darauf ab, Tote wiederzubeleben oder verlorene Jugend zurückzubringen, sondern Komplikationen zu verhindern. Zu den schwerwiegendsten Folgen einer unbehandelten Varikose gehören:

  • Thrombophlebitis: Eine Entzündung der oberflächlichen Venen mit Bildung von Blutgerinnseln.
  • Tiefe Venenthrombose (TVT): Ein gefährlicher Zustand, der zu einer Lungenembolie führen kann.
  • Ulcus cruris (Offenes Bein): Chronische Wunden, die extrem schwer heilen.
  • Blutungen: Da die Venenwände dünn sind, können sie bei Verletzungen stark bluten.

Vergleich: Männer vs. Frauen bei Venenerkrankungen

Merkmal Männer Frauen
Hauptmotivation für den Arztbesuch Komplikationen, Arbeitsfähigkeit, Druck durch Partner Ästhetik, Schweregefühl, Schmerzen
Krankheitsstadium bei Erstdiagnose Oft fortgeschritten (C4-C6) Oft frühzeitig (C1-C3)
Bereitschaft zum Tragen von Kompressionsstrümpfen Gering (Akzeptanzprobleme) Mittel bis Hoch

Prävention: Mythen und Wahrheit

Sie fragen sich sicher: Wie kann man das verhindern? Helfen Kompressionsstrümpfe prophylaktisch? Sollte man aufhören zu laufen? Hilft eine Diät aus Trauben und Knoblauch?

Die ehrliche Antwort lautet: Nein, leider hilft das meiste davon nicht als echte Prävention. Es sei denn, Sie verbringen Ihr Leben kriechend wie ein Krokodil, um den venösen Druck zu senken. Kompressionsstrümpfe sind hilfreich, wenn das Problem bereits besteht, und auch dann meist nur während der aktiven Behandlungsphase. Ich verschreibe sie ungern „für immer“ und schon gar nicht zur reinen Vorbeugung, da sie keine prophylaktische Wirkung auf gesunde Venen haben.

Was wirklich hilft

Die Regeln zur Vorbeugung von Komplikationen sind einfach, aber effektiv:

  1. Gewichtskontrolle: Jedes Kilo Übergewicht erhöht den Druck auf die Beinvenen.
  2. Bewegung: Regelmäßige Spaziergänge oder Venengymnastik aktivieren die Wadenmuskelpumpe.
  3. Früherkennung: Achten Sie auf den „blauen Wurm“ unter der Haut. Wenn er sichtbar wird, ist es Zeit für einen Check-up.

Achten Sie auf sich! Wenn etwas unklar ist, fragen Sie Ihren Arzt.


Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Können Krampfadern bei Männern von selbst verschwinden?

Nein. Einmal erweiterte Venen bilden sich nicht zurück. Cremes und Salben können zwar die Symptome lindern, beseitigen aber nicht die anatomische Ursache. Die einzige Möglichkeit, die Krampfader zu entfernen, ist ein medizinischer Eingriff (Laser, Sklerosierung oder Operation).

Ist Sport bei Krampfadern erlaubt?

Ja, Bewegung ist sogar erwünscht, besonders Ausdauersportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Walken. Kraftsport mit schweren Gewichten im Stehen sollte jedoch vermieden oder nur nach ärztlicher Rücksprache durchgeführt werden, da dies den Venendruck erhöht.

Wann sollte ein Mann zum Phlebologen gehen?

Sie sollten einen Arzt aufsuchen, sobald Sie sichtbare Krampfadern bemerken, auch wenn diese keine Schmerzen verursachen. Weitere Warnsignale sind abendliche Schwellungen der Knöchel, Hautverfärbungen am Unterschenkel oder ein anhaltendes Schweregefühl in den Beinen.

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