Viele Menschen betrachten unbehandelte Krampfadern lediglich als kosmetischen Makel. Sie gewöhnen sich an das Gefühl von Schwere, Schmerzen und abendlichen Schwellungen in den Beinen. Doch diese Geschichte unserer Patientin ist ein deutliches Beispiel dafür, wie gefährlich es sein kann, die Zeichen des Körpers zu ignorieren. Dieser Weg führt den Patienten letztendlich fast immer zum Arzt – jedoch oft erst dann, wenn schwerwiegende und teilweise lebensbedrohliche Komplikationen aufgetreten sind.

Der Fall der Patientin N.: Ein Leben mit der Angst vor dem Arzt

Die 59-jährige Patientin N. litt seit über 20 Jahren an Krampfadern (Varikose). Aus Angst vor Ärzten und möglichen Operationen mied sie medizinische Hilfe. Erst als sich am linken Unterschenkel ein roter Fleck bildete, der sich rasch vergrößerte und zunehmend schmerzte, überwog die Sorge die Angst, und sie wandte sich an unsere Fachklinik für Phlebologie.

Die Diagnose: Mehr als nur oberflächliche Venen

Die Ultraschalluntersuchung (Duplexsonographie) brachte alarmierende Ergebnisse ans Licht. Neben der offensichtlichen Varikose an beiden Beinen wurden Anzeichen alter, bereits überstandener tiefer Beinvenenthrombosen am linken Bein festgestellt (postthrombotisches Syndrom).

Der Zustand der Patientin hat sich verbessert, aber die Pigmentierung ist leider irreversibel. Zögern Sie nicht, konsultieren Sie einen Phlebologen, wenn Sie störende Veränderungen oder Empfindungen in Ihren Beinen bemerken. Foto: Phlebologie-Zentrum.
Der Zustand der Patientin hat sich verbessert, aber die Pigmentierung ist leider irreversibel.

Was war passiert? Thromben (Blutgerinnsel) waren aus den oberflächlichen Krampfadern in das tiefe Venensystem gewandert. Tückischerweise verliefen diese Thrombosen „stumm“ (asymptomatisch). Die Patientin konnte sich nicht an Episoden mit plötzlichen, massiven Schwellungen oder akuten Schmerzen im linken Bein erinnern, die typischerweise auf eine akute Thrombose hindeuten.

Die Folgen: Lipodermatosklerose und chronische Insuffizienz

Die überstandenen Thrombosen verursachten massive Schäden an den Venenklappen des tiefen Systems. Dies führte zu einem chronischen Rückstau des Blutes und hohem Druck im Gewebe. Die Folge war das schnelle Auftreten und Fortschreiten des roten Flecks am Unterschenkel – ein Prozess, der als Lipodermatosklerose bezeichnet wird. Hierbei verhärtet sich das Fettgewebe unter der Haut und entzündet sich chronisch, was oft die Vorstufe zu einem offenen Bein (Ulcus cruris) ist.

Warum eine Operation nicht immer möglich ist

In diesem speziellen Fall war eine operative Behandlung der Krampfadern kontraindiziert. Aufgrund der Schädigung des tiefen Venensystems bestand ein zu hohes Risiko für erneute Thrombosen (Rezidivgefahr). Stattdessen wurde eine konservative Therapie eingeleitet:

  • Kompressionstherapie: Konsequentes Tragen von medizinischen Kompressionsstrümpfen der Klasse 3.
  • Medikation: Einnahme von Venentherapeutika (Venotonika) zur Stärkung der Gefäßwände.
  • Überwachung: Regelmäßige phlebologische Kontrolluntersuchungen.

Bereits bei der Nachuntersuchung einen Monat später berichtete die Frau, die alle Anweisungen strikt befolgte, von einer deutlichen Besserung: Die Schwellungen gingen zurück, die Schmerzen ließen nach und ein Gefühl der Leichtigkeit kehrte in die Beine zurück.

Wichtiger Hinweis: Der Zustand der Patientin hat sich klinisch verbessert, aber die Pigmentierung (die dunkle Verfärbung der Haut) ist leider irreversibel. Dies unterstreicht die Wichtigkeit einer frühzeitigen Diagnose.

Vergleich: Gesunde Venen vs. Postthrombotisches Syndrom

Um zu verstehen, warum unbehandelte Krampfadern so gefährlich sind, hilft ein Vergleich der physiologischen Abläufe:

Merkmal Gesundes Venensystem Postthrombotisches Syndrom (PTS)
Blutfluss Gerichtet zum Herzen, unterstützt durch Venenklappen. Rückfluss (Reflux) in die Beine aufgrund zerstörter Klappen.
Hautbeschaffenheit Elastisch, normale Pigmentierung. Verhärtet, bräunlich/rötlich verfärbt, dünn, verletzlich.
Schwellung (Ödeme) Keine oder nur minimale Schwellung nach langer Belastung. Chronische, oft schmerzhafte Schwellungen, die sich kaum zurückbilden.
Thromboserisiko Gering (bei normaler Bewegung). Stark erhöht durch verlangsamten Blutfluss und Gefäßschäden.

Häufige Komplikationen bei Nichtbehandlung

Viele Patienten warten zu lange. Die Varikose ist eine fortschreitende Erkrankung. Ohne Intervention können folgende Komplikationen auftreten:

  1. Thrombophlebitis: Eine schmerzhafte Entzündung der oberflächlichen Venen mit Gerinnselbildung.
  2. Tiefe Beinvenenthrombose (TVT): Wenn Gerinnsel in die tiefen Leitvenen wandern – dies kann zu einer lebensbedrohlichen Lungenembolie führen.
  3. Venenblutung: Spontan oder durch Bagatellverletzungen können Krampfadern stark bluten.
  4. Ulcus cruris (Offenes Bein): Die schwerste Form der chronisch-venösen Insuffizienz, eine schwer heilende Wunde am Unterschenkel.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Können sich Krampfadern von selbst zurückbilden?

Nein, einmal erweiterte Venen bilden sich nicht von selbst zurück. Salben und Tabletten können zwar Symptome lindern, die defekten Venenklappen aber nicht reparieren. Nur ein medizinischer Eingriff kann die betroffenen Venen ausschalten oder entfernen.

Wann sollte ich zum Phlebologen gehen?

Suchen Sie einen Arzt auf, sobald Sie sichtbare Krampfadern bemerken, besonders wenn diese mit Schweregefühl, Schmerzen, Juckreiz oder Schwellungen einhergehen. Warten Sie nicht auf Hautverfärbungen.

Ist Sport bei Krampfadern erlaubt?

Ja, Bewegung ist essenziell. Sportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Walken aktivieren die Wadenmuskelpumpe und unterstützen den venösen Rückstrom. Vermeiden Sie jedoch Sportarten mit abrupten Stopps oder Pressatmung (z.B. schweres Gewichtheben).

Was passiert, wenn ich meine Krampfadern nicht behandle?

Unbehandelte Krampfadern erhöhen das Risiko für Venenentzündungen, Thrombosen, Hautveränderungen (wie Lipodermatosklerose) und chronische Wunden (offenes Bein).


Fazit: Zögern Sie nicht. Konsultieren Sie einen Spezialisten, sobald Sie beunruhigende Veränderungen oder Empfindungen in Ihren Beinen bemerken. Je früher die Behandlung beginnt, desto schonender sind die Methoden und desto geringer das Risiko für bleibende Schäden.

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