Was genau sind Krampfadern? Warum bilden sich bei manchen Menschen Krampfadern an den Beinen und bei anderen nicht? Welche Erscheinungsformen der Krankheit gibt es? Kann man ihr vorbeugen? Was tun bei Besenreisern? Helfen Blutegel und Kohlblätter wirklich? Darüber und über vieles mehr sprechen wir im Interview mit dem Chirurgen und Phlebologen Dr. med. Sergey Markin. Was ist die Krampfadererkrankung (Varikose)? Sergey Markin: Die Varikose ist eine Erkrankung, bei der es zu einer Schwächung der Venenwand kommt, was meist vererbt wird. Wenn Menschen mit einer solchen schwachen Gefäßwand ihre Beine belasten, beginnen sich die Venen zu verformen, es bilden sich Knoten, und Flüssigkeit tritt durch die Venenwände aus, was zu Ödemen (Schwellungen) führt. Die Zellen in den unteren Extremitäten können nicht normal funktionieren, weil sie in dieser Flüssigkeit „ertrinken“, was schließlich zu trophischen Ulzera (offenen Beinen) führen kann. Die Krampfadererkrankung ist chronisch und geht nicht nur mit äußerlichen Veränderungen einher, sondern auch mit subjektiven Empfindungen wie Schweregefühl und Schmerzen in den Beinen. Es ist ein echtes Problem des modernen Menschen – der Preis für den aufrechten Gang. Warum bekommen manche Menschen Krampfadern und andere nicht? Sergey Markin: Die Erkrankung ist in erster Linie genetisch bedingt. Der Hauptgrund liegt also in einer angeborenen Schwäche der Gefäßwand – eine Art genetische Mutation. Ein genetischer Faktor allein reicht jedoch nicht aus. Hinzu kommen auslösende Faktoren. Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören: Weibliches Geschlecht Zunehmendes Alter Langes Stehen oder Sitzen im Alltag Hormonelle Belastungen und Schwangerschaft Statische körperliche Belastungen Einige Menschen haben zwar eine Veranlagung, aber wenn sie beispielsweise ihre Beine nicht überlasten und einen aktiven Lebensstil führen, entwickeln sie trotz genetischer Neigung möglicherweise nie Krampfadern. Was sind die Symptome von Krampfadern? Sergey Markin: Die Anzeichen können vielfältig sein und haben nicht immer nur mit unschönen Beinen zu tun. Zu den Hauptsymptomen gehören Schweregefühl in den Beinen, Schwellungen, schnelle Ermüdung und ein Spannungsgefühl. Es kann auch ein Brennen oder Kribbeln auftreten. Die Beine können optisch perfekt aussehen, aber innerlich bereits durch Krampfadern verändert sein. Auch Besenreiser können auftreten, die an sich keine Krampfadern sind, diesen Zustand aber oft begleiten. Was sind Besenreiser und sind sie ein Zeichen für Krampfadern? Sergey Markin: Sehr oft kommen Patienten mit Besenreisern und denken, sie hätten Krampfadern. Das ist jedoch nicht der Fall. Besenreiser sind ein ästhetisches Problem. Eine Studie aus Frankreich zeigte, dass 75 % der erwachsenen Bevölkerung Besenreiser haben, was nicht bedeutet, dass sie alle krank sind. Besenreiser führen nicht zu ernsthaften Folgen wie Thrombophlebitis oder trophischen Geschwüren. Wann sollte man zum Arzt gehen? Sergey Markin: Wenn Sie Symptome wie Schwellungen, Schweregefühl oder Ermüdbarkeit der Beine haben, besonders wenn diese Symptome die Lebensqualität einschränken, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Selbst wenn äußerlich alles normal aussieht, können verborgene Probleme vorliegen, die der Phlebologe erkennen kann. Worauf deuten geschwollene Beine hin? Sergey Markin: Ödeme sind ein häufiges Symptom und können mit Krampfadern zusammenhängen, aber nicht nur. Es gibt unzählige Ursachen. Wenn Sie keine sichtbaren Knoten haben, ist es besser, zuerst einen Hausarzt oder Kardiologen aufzusuchen, um Herz-, Nieren- oder Stoffwechselprobleme auszuschließen. Wenn die Schwellung jedoch nur an einem Bein auftritt, dieses die Farbe ändert und stärker anschwillt als das andere, ist dies ein Grund, sofort einen Phlebologen aufzusuchen (Verdacht auf Thrombose). Wie fließt das Blut in den Venen und warum ist dieser Prozess bei Varikose gestört? Sergey Markin: Normalerweise wird das Blut durch die Wadenmuskulatur (die Muskelpumpe) nach oben zum Herzen gepumpt. Venenklappen wirken wie Ventile: Sie lassen das Blut nach oben fließen und schließen sich dann, um ein Zurückfließen zu verhindern. Bei Krampfadern erweitern sich die Venen aufgrund schwacher Wände, und die Klappen schließen nicht mehr richtig (Klappeninsuffizienz). Das Blut staut sich und fließt zurück (Reflux). Langes Sitzen oder Stehen verschlimmert dies. Wie wirken sich High Heels aus? Sergey Markin: Hohe Schuhe verändern die Biomechanik des Gehens. Die Wadenmuskeln sind ständig angespannt und können nicht richtig arbeiten, wodurch sich das Blut in den Venen staut. Ein Absatz bis zu 6 cm ist normal. Darüber hinaus wird der venöse Abfluss gestört. Gibt es bei Langstreckenflügen ein Thromboserisiko? Sergey Markin: Der Flug selbst ist nicht der Auslöser, aber langes Sitzen, Dehydrierung und niedriger Druck verlangsamen den Blutfluss. Kompressionsstrümpfe und regelmäßige Bewegung (alle 1-2 Stunden aufstehen oder Fußübungen) sind die beste Vorbeugung. Was ist der Unterschied zwischen tiefen und oberflächlichen Venen? Sergey Markin: Es ist wichtig, das Venensystem zu verstehen, um die Behandlung nachvollziehen zu können: Merkmal Tiefe Venen Oberflächliche Venen Funktion & Last Tragen ca. 95 % der venösen Blutlast. Die „Hauptarbeiter“. Tragen nur ca. 5 % der Last. Lage Tief unter dem Muskelgewebe, parallel zu den Arterien (nicht sichtbar). Direkt unter der Haut. Krampfader-Risiko Sehr gering. Wenn hier Probleme (Thrombose) auftreten, ist es lebensgefährlich. Sehr hoch. Hier entwickeln sich Krampfadern. Diese Venen können bei Bedarf operativ entfernt werden. Welche sportlichen Aktivitäten sind bei Krampfadern erlaubt? Sergey Markin: Bewegung ist gesund, aber mit Bedacht. Empfohlen: Schwimmen, flottes Gehen, moderates Joggen und Radfahren auf flacher Strecke. Diese stimulieren die „Venenpumpe“. Nicht empfohlen: Gewichtheben, Bodybuilding und schwere statische Belastungen (wie Kniebeugen mit Langhanteln). Diese erzeugen zu viel Druck auf die Venen. Das Tragen von Kompressionskleidung während des Sports hilft zudem bei einer schnelleren Regeneration. Wie sieht die Vorbeugung aus? Sergey Markin: Die absolute Vorbeugung des Entstehens ist bei genetischer Veranlagung kaum möglich. Man kann jedoch das Fortschreiten bremsen und Symptome kontrollieren: Körpergewicht im Auge behalten, langes Stehen/Sitzen vermeiden (alle 30-40 Minuten bewegen), Sport treiben und bei Symptomen Kompressionsstrümpfe tragen. Was halten Sie von Volksmedizin (Hausmitteln)? Sergey Markin: Salben, Umschläge oder Tomaten-/Kohlblätter helfen nicht. Die Wirkstoffe dringen nicht tief genug in die Venen ein. Oft ist es die Massage beim Eincremen, die Erleichterung bringt, nicht die Salbe selbst. Verlassen Sie sich nicht auf Hausmittel, sondern suchen Sie einen Arzt auf. Sind Wadenkrämpfe ein Symptom? Sergey Markin: Nächtliche Krämpfe, Juckreiz und Brennen sind sehr unspezifische Symptome und oft eher Anzeichen für neurologische oder metabolische Störungen als für Krampfadern. Der spezifischste Schmerz ist der direkte Schmerz an den veränderten Venen. Welche Rolle spielt die medikamentöse Therapie (Phlebotropika)? Sergey Markin: Venenmedikamente stoppen die Krankheit nicht und lassen die Venen nicht verschwinden. Sie lindern lediglich die Symptome (Schwellungen, Schweregefühl) und verbessern die Lebensqualität, ersetzen aber keine Operation oder Kompressionstherapie. Wann ist eine Operation notwendig? Sergey Markin: Wenn die Venenklappe kaputt ist, kann sie nicht repariert werden. Um Komplikationen (Thrombosen, Geschwüre) zu vermeiden, muss die betroffene Vene entfernt oder verschlossen werden. Moderne Eingriffe (wie Laserablation oder Venenkleber) sind minimalinvasiv. Die Vene wird von innen erhitzt oder verklebt, und der Patient kann oft am selben Tag nach Hause gehen. Wie stehen Sie zur Behandlung mit Blutegeln? Sergey Markin: Ein weit verbreiteter Mythos. Blutegel heilen keine Krampfadern. Sie stellen die Klappen nicht wieder her und stärken die Venenwände nicht. Im Gegenteil: Sie bergen ein hohes Risiko für Infektionen, Entzündungen und Thrombophlebitis. Es ist nutzlos und potenziell gefährlich. Operation vor oder nach der Schwangerschaft? Sergey Markin: Ich empfehle meist, das Venenproblem vor einer geplanten Schwangerschaft zu lösen, da die Erkrankung währenddessen stark fortschreiten kann. Wurde es nicht vorher gemacht, kann der Eingriff sicher nach dem Ende der Stillzeit geplant werden. Ist ein Rückfall nach der OP möglich? Sergey Markin: Ein Rezidiv ist fast zu 100 % sicher, da es sich um eine systemische Erkrankung handelt. Die Operation beseitigt das aktuelle Problem, aber die Schwäche der Venenwände im restlichen Körper bleibt bestehen. Das Wichtigste ist, rechtzeitig zur Nachsorge zu gehen (alle 3-5 Jahre), um schnell reagieren zu können. * Dieser Artikel stellt keinen Leitfaden für Diagnose und Behandlung dar. #dr_utin #gesundheit #phlebologe #krampfadern Beitragsnavigation Meine Erfahrungen: Wie man Krampfadern kostenlos behandeln lassen kann